Equal Pay Day – muss das sein? Ist das nicht so ein “feministischer Quatsch“, wie mir einmal ein Klient sagte. „Wenn ich schon diese Gender-Sternchen sehe, und Frauenquote. So ein Unsinn.“

Ich muss zugeben: Ich hätte ihm zu Beginn meiner beruflichen Karriere beigepflichtet. Ich habe damals fest an gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit geglaubt, daran, dass sich Leistung lohnt und Männer und Frauen bei gleicher Leistung gleiche Chancen hätten. Ich war der festen Überzeugung, dass die Feministinnen zwar den Weg geebnet hätten (Danke dafür!), aber für mich war damals klar: Es sei doch jetzt mal der Zeitpunkt gekommen, nicht immer nur laut zu jammern und Gleichberechtigung zu leben. Dass Frauen und Männer doch erkennbar gleich seien und dieses feministische Getue nun wirklich nicht mehr angebracht.

Das war 2001.

War ich naiv damals.

2003/2004 hatte diese Haltung deutliche Risse bekommen. Nach 3 Jahren in einem internationalen Medienkonzern war mir klar geworden, dass ich mitnichten gleich bezahlt wurde. Das die guten Jobs an die Männer gingen. Dass es Meetings gab, in denen ich die einzige Frau war. Und dass ich es teilweise verdammt schwer hatte, mir Gehör zu verschaffen in diesen Runden.

Ich konnte in meinem eigenen Netzwerk, unter meinen eigenen Kontakten beobachten, wie sich männliche und weibliche Karrieren seit dieser Zeit entwickelt haben. Und ich muss leider feststellen: Die Zahlen sprechen nicht für eine wirkliche, funktionierende Gleichberechtigung.

Und die Bezahlung?

Das Tempo, in dem wir voranschreiten, kann man an einem Datum ablesen: Dem Equal Pay Day, der jedes Jahr an einem anderen Tag stattfindet und sich symbolisch daran orientiert, wie lange Frauen quasi kostenlos arbeiten, während Männer schon seit dem 1. Januar für ihre Arbeit bezahlt werden. Es geht dabei um den geschlechtsspezifischen Entgeltunterschied, der in Deutschland laut Statistischem Bundesamt aktuell 19 Prozent beträgt.

Je weiter der Tag also zum Jahresanfang „voranrutscht“, desto weniger Ungleichheit gibt es. Die gute Nachricht ist: In diesem Jahr haben wir einen Sprung gemacht! In Deutschland findet der Tag in diesem Jahr bereits am 10. März 2021 statt, 4 Tage vor dem geplanten Termin.* Wenn ich mir die Sprünge der letzten Jahre ansehe, dann sehe ich aber leider eher eine Bewegung im Schneckentempo: 2009 waren es 23 Prozent Unterschied, der Tag fand am 20. März statt.

Ja, es passiert was. Aber wenn es in dem Tempo weitergeht, werde ich eine Gleichstellung von Mann und Frau bis zum Ende meines Berufslebens nicht mehr erleben.

Was sind die Gründe dafür, das Frauen nicht so richtig vorankommen?

In der Diskussion um die Gründe, was Frauen behindert, gibt es seit Jahren das kollektive Selbstverständnis der inneren und äußeren Hindernisse, die Frauen in der Gleichberechtigung und im Verdienst bremsen. Dabei werden die Herausforderungen in zwei Kategorien geteilt:

Einmal unfaire externe Hindernisse zu Ungunsten der Frauen, denen Frauen quasi “zum Opfer fallen”. Darunter fallen Dinge wie:

  • Diskriminierung,
  • das sogenannte „Unconcious Gender Bias“ (unbewusste geschlechtsspezifische Vorurteile, d. h. alle Beteiligten wissen noch nicht einmal, dass sie sie haben!),
  • die schlechte Vereinbarkeit von Arbeit und Familie und
  • die Ungleichheit in der Bezahlung.

 

Auf der anderen Seite werden interne, psychologische Hindernisse verortet, mit denen Frauen „sich selbst im Weg stehen“ und für die Frauen in diesem Narrativ selbst verantwortlich sind.

Was dann oft folgt ist eine unsinnige Diskussion, ob die inneren oder die äußeren Hindernisse stärker ins Gewicht fallen und ob es in die Verantwortung der Frauen fällt, daran etwas zu ändern oder ob es nicht sogar „ihre Schuld“ sei: Sie seien doch jetzt gleichberechtigt, warum kommen sie denn jetzt nicht und legen entsprechend los. Oft werde ich in Gesprächen mit Meinungsbildnern zu der Frage befragt, was Frauen tun, um sich selbst zu behindern, als wäre es „ihre Schuld“ oder „ihre Wahl“.

Aus meiner Sicht kommt dabei etwas zu kurz:

Jahrhundertelang waren Frauen von Politik, der Öffentlichkeit und einem professionellen Leben außerhalb des eigenen Hauses nahezu ausgeschlossen und das hatte viele Auswirkungen. Einige dieser Auswirkungen zeigen sich in externen Effekten, so in der Gesetzgebung oder der politischen Umsetzung, in der fortdauernden Ungleichheit in der Bezahlung, in geringeren rechtlichen Ansprüchen und einer entsprechenden Vertretung gegenüber dem Gesetz sowie in einer Verweigerung von Basisrechten für Frauen, teilweise bis in die 70er Jahre hier in Deutschland, um nur einige aufzuzählen.

Aber die Ungleichheit von Frauen und Männern hat zudem interne Auswirkungen in uns Frauen hinterlassen. Im Verlauf dieser gerade beschriebenen vielen Generationen wurde geformt, wie wir als Frauen über uns denken und was wir als möglich ansehen für unser Leben und unsere Arbeit. Es hat unsere Ängste geformt: Ängste, unsere Stimme zu erheben und für uns, für eine Sache einzutreten. Ängste, die Führung zu übernehmen oder andere vor den Kopf zu stoßen. Und es hat dazu geführt, dass Frauen eine Vielzahl von Verhaltensweisen entwickelt haben, die es ihnen ermöglichten, in Umgebungen zu überleben, wo sie keine rechtliche, finanzielle oder politische Macht hatten. Das sind Verhaltensweisen wie Konfliktvermeidung, Selbstzensur, zurückhaltendes Sprechen, zurückgenommenes Handeln. Sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Sich zurück zu stellen.

Wir haben kollektiv den großen Schritt in Richtung Gleichberechtigung gemacht, gerade in den letzten 40 Jahren, um äußere Hürden aus dem Weg zu räumen. Aber während wir im Außen große Veränderungen erlebt haben, so haben wir die Aufmerksamkeit nicht mit derselben Intensität auf das innere Erbe von Ungleichheit geworfen. Und wir haben uns nicht mit der Frage beschäftigt, wie wir es ändern können – wie wir Frauen befähigen können, ermächtigen können, dieses innere Erbe hinter sich zu lassen.

Meines Erachtens liegt hier noch eine Menge von innerem „Verlernen“ und Neulernen vor uns.

Aber erst einmal feiern wir diese Woche.

Wir feiern den Weltfrauentag.

Wir feiern den Equal Pay Day.

Wir feiern, dass sich etwas bewegt.

 

Ich glaube an dich. Ich glaube an dein “Mehr”.

Deine Sandra

Equal Pay Day – muss das sein? Ist das nicht so ein “feministischer Quatsch“, wie mir einmal ein Klient sagte. „Wenn ich schon diese Gender-Sternchen sehe, und Frauenquote. So ein Unsinn.“

Ich muss zugeben: Ich hätte ihm zu Beginn meiner beruflichen Karriere beigepflichtet. Ich habe damals fest an gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit geglaubt, daran, dass sich Leistung lohnt und Männer und Frauen bei gleicher Leistung gleiche Chancen hätten. Ich war der festen Überzeugung, dass die Feministinnen zwar den Weg geebnet hätten (Danke dafür!), aber für mich war damals klar: Es sei doch jetzt mal der Zeitpunkt gekommen, nicht immer nur laut zu jammern und Gleichberechtigung zu leben. Dass Frauen und Männer doch erkennbar gleich seien und dieses feministische Getue nun wirklich nicht mehr angebracht.

Das war 2001.

War ich naiv damals.

2003/2004 hatte diese Haltung deutliche Risse bekommen. Nach 3 Jahren in einem internationalen Medienkonzern war mir klar geworden, dass ich mitnichten gleich bezahlt wurde. Das die guten Jobs an die Männer gingen. Dass es Meetings gab, in denen ich die einzige Frau war. Und dass ich es teilweise verdammt schwer hatte, mir Gehör zu verschaffen in diesen Runden.

Ich konnte in meinem eigenen Netzwerk, unter meinen eigenen Kontakten beobachten, wie sich männliche und weibliche Karrieren seit dieser Zeit entwickelt haben. Und ich muss leider feststellen: Die Zahlen sprechen nicht für eine wirkliche, funktionierende Gleichberechtigung.

Und die Bezahlung?

Das Tempo, in dem wir voranschreiten, kann man an einem Datum ablesen: Dem Equal Pay Day, der jedes Jahr an einem anderen Tag stattfindet und sich symbolisch daran orientiert, wie lange Frauen quasi kostenlos arbeiten, während Männer schon seit dem 1. Januar für ihre Arbeit bezahlt werden. Es geht dabei um den geschlechtsspezifischen Entgeltunterschied, der in Deutschland laut Statistischem Bundesamt aktuell 19 Prozent beträgt.

Je weiter der Tag also zum Jahresanfang „voranrutscht“, desto weniger Ungleichheit gibt es. Die gute Nachricht ist: In diesem Jahr haben wir einen Sprung gemacht! In Deutschland findet der Tag in diesem Jahr bereits am 10. März 2021 statt, 4 Tage vor dem geplanten Termin.* Wenn ich mir die Sprünge der letzten Jahre ansehe, dann sehe ich aber leider eher eine Bewegung im Schneckentempo: 2009 waren es 23 Prozent Unterschied, der Tag fand am 20. März statt.

Ja, es passiert was. Aber wenn es in dem Tempo weitergeht, werde ich eine Gleichstellung von Mann und Frau bis zum Ende meines Berufslebens nicht mehr erleben.

Was sind die Gründe dafür, das Frauen nicht so richtig vorankommen?

In der Diskussion um die Gründe, was Frauen behindert, gibt es seit Jahren das kollektive Selbstverständnis der inneren und äußeren Hindernisse, die Frauen in der Gleichberechtigung und im Verdienst bremsen. Dabei werden die Herausforderungen in zwei Kategorien geteilt:

Einmal unfaire externe Hindernisse zu Ungunsten der Frauen, denen Frauen quasi “zum Opfer fallen”. Darunter fallen Dinge wie:

  • Diskriminierung,
  • das sogenannte „Unconcious Gender Bias“ (unbewusste geschlechtsspezifische Vorurteile, d. h. alle Beteiligten wissen noch nicht einmal, dass sie sie haben!),
  • die schlechte Vereinbarkeit von Arbeit und Familie und
  • die Ungleichheit in der Bezahlung.

 

Auf der anderen Seite werden interne, psychologische Hindernisse verortet, mit denen Frauen „sich selbst im Weg stehen“ und für die Frauen in diesem Narrativ selbst verantwortlich sind.

Was dann oft folgt ist eine unsinnige Diskussion, ob die inneren oder die äußeren Hindernisse stärker ins Gewicht fallen und ob es in die Verantwortung der Frauen fällt, daran etwas zu ändern oder ob es nicht sogar „ihre Schuld“ sei: Sie seien doch jetzt gleichberechtigt, warum kommen sie denn jetzt nicht und legen entsprechend los. Oft werde ich in Gesprächen mit Meinungsbildnern zu der Frage befragt, was Frauen tun, um sich selbst zu behindern, als wäre es „ihre Schuld“ oder „ihre Wahl“.

Aus meiner Sicht kommt dabei etwas zu kurz:

Jahrhundertelang waren Frauen von Politik, der Öffentlichkeit und einem professionellen Leben außerhalb des eigenen Hauses nahezu ausgeschlossen und das hatte viele Auswirkungen. Einige dieser Auswirkungen zeigen sich in externen Effekten, so in der Gesetzgebung oder der politischen Umsetzung, in der fortdauernden Ungleichheit in der Bezahlung, in geringeren rechtlichen Ansprüchen und einer entsprechenden Vertretung gegenüber dem Gesetz sowie in einer Verweigerung von Basisrechten für Frauen, teilweise bis in die 70er Jahre hier in Deutschland, um nur einige aufzuzählen.

Aber die Ungleichheit von Frauen und Männern hat zudem interne Auswirkungen in uns Frauen hinterlassen. Im Verlauf dieser gerade beschriebenen vielen Generationen wurde geformt, wie wir als Frauen über uns denken und was wir als möglich ansehen für unser Leben und unsere Arbeit. Es hat unsere Ängste geformt: Ängste, unsere Stimme zu erheben und für uns, für eine Sache einzutreten. Ängste, die Führung zu übernehmen oder andere vor den Kopf zu stoßen. Und es hat dazu geführt, dass Frauen eine Vielzahl von Verhaltensweisen entwickelt haben, die es ihnen ermöglichten, in Umgebungen zu überleben, wo sie keine rechtliche, finanzielle oder politische Macht hatten. Das sind Verhaltensweisen wie Konfliktvermeidung, Selbstzensur, zurückhaltendes Sprechen, zurückgenommenes Handeln. Sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Sich zurück zu stellen.

Wir haben kollektiv den großen Schritt in Richtung Gleichberechtigung gemacht, gerade in den letzten 40 Jahren, um äußere Hürden aus dem Weg zu räumen. Aber während wir im Außen große Veränderungen erlebt haben, so haben wir die Aufmerksamkeit nicht mit derselben Intensität auf das innere Erbe von Ungleichheit geworfen. Und wir haben uns nicht mit der Frage beschäftigt, wie wir es ändern können – wie wir Frauen befähigen können, ermächtigen können, dieses innere Erbe hinter sich zu lassen.

Meines Erachtens liegt hier noch eine Menge von innerem „Verlernen“ und Neulernen vor uns.

Aber erst einmal feiern wir diese Woche.

Wir feiern den Weltfrauentag.

Wir feiern den Equal Pay Day.

Wir feiern, dass sich etwas bewegt.

 

Ich glaube an dich. Ich glaube an dein “Mehr”.

Deine Sandra