In den letzten Wochen dieser pandemie-geplagten Zeit begegnen mir immer wieder kleine Nachrichtenfetzen. Es ist 2021, Februar, und es ist die Zeit, als der Lockdown wirklich viel Zeit zu Hause und noch mehr Nerven von uns forderte als im Frühjahr zuvor. In diesen Nachrichtenfetzen geht es um Alkohol – virtuelle Weinproben und Whiskey Tastings, Mütter (und Väter), Frauen, Männer, die zur Entlastung zum Glas greifen – denn irgendwie muss man ja mal runterkommen?!, die Zunahme des Trinkens zuhause – und besonders in der Pandemie – und die Gefahren des Alkoholismus.

Mich berühren diese Geschichten sehr. Wenn diese Artikel sich um die „sunny Side“ drehen, – um das gesellschaftlich akzeptierte Trinken – dann merke ich, wie ich mir manchmal wünschte, ich könnte wieder auf Knopfdruck entspannen, ohne dafür auf die Yoga Matte zu müssen (übrigens eine tolle Alternative, versteht mich nicht falsch!). Ich wünschte, ich könnte mal wieder der Mittelpunkt der Party sein – ach, entschuldigt, das war vor Corona. Und es war DAVOR.

Denn in meinem Leben gibt es ein DAVOR und DANACH.

DAVOR war lange Zeit großartig, denn lange Zeit in meinem Leben hielt der Alkohol, was er in der Werbung versprach: Entspanntes Lachen, Miteinander, Flirten, zusammen sein, Gemeinsamkeit, Leben im Moment, den Alltag hinter mir lassen mit dem Job, dem Ärger – und MIR, wie ich war. Das war toll.

Leider wurde es für mich im Laufe meines Lebens immer schwieriger, die Balance auszutarieren zwischen ausgelassen, mutig und lustig – und angeschickert, angetrunken, betrunken, sturzbetrunken. Lange Zeit dachte ich, diese Verläufe hätten etwas mit der Mischung von Getränken an dem Abend zu tun. Oder mit einer Virusinfektion. Oder mit einer stressigen Situation, die ich erlebt hatte. Oder mit einem Freund und dann Ex-Freund, den ich zuerst hatte und dann gehabt hatte. Oder mit der Wohnung, die ich nicht bekommen hatte. Oder mit meinem Job, mit dem mich eine innige Hassliebe verband. Ihr seht, meine Gründe waren vielfältig. Es gab immer einen guten Grund, mit Freunden bei einem Glas Wein oder einem Bier über eine Situation zu reden. Und dann diese Situation zu vergessen und den Abend zu genießen. Hey, wer kennt das nicht?

Und dann diese Partys. Hinzugehen und sich komisch zu fühlen in dieser Menge an Menschen. Und dann – gegen dieses komische Gefühl – schnell mal ein Bier und schon das erste Gespräch zu starten über den Flaschenöffner, oder was auch immer. Alkohol war immer mein soziales „Schmiermittel“. Alkohol erlaubte mir die Frau zu sein, die ich gern sein wollte.

Wenn es dieses DAVOR gibt, dann gibt es natürlich auch ein DANACH. Doch die meisten Menschen, mit denen ich darüber spreche, wollen erstmal mehr über das DAVOR DAVOR wissen, so als wenn sich schon durch das Aufwachsen abzeichnet: „Du wirst auf jeden Fall Alkoholikerin!“

Sorry, so einfach ist das leider nicht: Mein Leben davor war ein ganz normales. Aufgewachsen in einer Mittelschichtfamilie auf dem Land mit allen Vorzügen (eigenes Pony), aber auch allen Nachteilen (Fahrschülerin!), Eltern selbständig und verheiratet, zwei Geschwister. Nach dem Abitur mit meinen besten Freundinnen nach Hamburg gezogen und in einer WG gewohnt, Ausbildung gemacht, gearbeitet, studiert, tolle Reisen, super Job in der Strategie Abteilung einer super Firma mit netten Kollegen. Mein Leben von außen betrachtet ein Traum: 3 Zimmer Altbau Wohnung in der Hamburger Schanze, Single mit einem Einkommen, dass dem meiner Eltern ebenbürtig war. Aber warum denn dann? Was ist da schiefgelaufen, fragst du dich jetzt vielleicht.

Aber solange ich zurückdenken kann, hat immer irgendwie etwas nicht gestimmt. Ich hatte stets das Gefühl, dass mir etwas fehlt, das ich anders wäre. Ich war nie im Einklang mit dem Rest der Welt und ich fühlte mich nie „normal“. Es schien mir, dass die anderen eine Gebrauchsanweisung für diese Welt bekommen hatten, aber ich muss bei der Verteilung irgendwie einen Moment unaufmerksam gewesen sein – und bumms, da war ich ohne unterwegs. Ich war eine Träumerin und wenn ich nicht in meinen Büchern unterwegs war, dann machte ich mir irgendwie ständig Sorgen.

Ich werde oft gefragt, ob mir etwas passiert sei, ob es „einen Auslöser“ gab – nein, den gab es nicht. Ich habe einmal gelesen „Alkoholikerin auf Abruf“, ich glaube das trifft es ganz gut. Als Teenager trank ich zum ersten Mal Alkohol und ich verliebte mich sofort in das Gefühl, das mir der Alkohol gab. Mit ihm hatte ich das Gefühl, die Lösung gefunden zu haben für dieses nagende Unbehagen. Ich war Teil der Welt geworden: Locker, schlagfertig, selbstbewusst. Auf einmal fühlte ich mich so, wie ich dachte, dass alle anderen sich ständig fühlten. Endlich verstehe ich die Welt, das ist das Stück was mir fehlt.

Obwohl es einige Jahre dauerte, bis ich körperlich abhängig war, war ich emotional vom ersten Moment an dabei. Ich hatte keine Angst mehr.

Meine ganze Teenagerzeit trank ich, wann immer ich konnte. Das war nicht so oft, wie sich das jetzt vielleicht anhört. Aber ich trank, um mich besser zu fühlen, und manchmal trank ich auch, um vor mir zu fliehen – meinen Unzulänglichkeiten, meinen Sorgen, meinem Nicht-Genug-Sein. Ich dachte dabei, das täten alle.

Schon früh waren Abende dazwischen, wo ich mich nicht mehr ganz so gut benahm oder im schlimmsten Fall einen Filmriss hatte. Dann wachte ich auf und wäre am liebsten gestorben bei dem Gedanken, was ich in der Nacht davor gesagt oder getan hatte. Scham wurde zu einem wichtigen Begleiter.

Trotzdem machte ich mein Abitur, machte meine Ausbildung und einen sehr guten Abschluss. Eigentlich hätte ich stolz sein können auf mich, auf das Mädchen vom Land, dass es in Hamburg geschafft hatte. Aber das war ich nicht. Das Gefühl der Unzulänglichkeit war wie ein dunkler Schatten, der mir überallhin folgte und Alkohol schien die perfekte Lösung.

Nach dem Studium begann ich in einem großen Digitalkonzern, und ich war angekommen. Und gleichzeitig völlig verunsichert. Der Job war anspruchsvoll und ich machte Karriere. Und trank gleichzeitig immer mehr. Die Gründe waren jetzt der Welt um mich herum angepasst: Wenn ich erfolgreich eine Strategie präsentiert und verkauft hatte, feierte ich mit meinen Kollegen. Wenn ich ein Projekt vermasselt hatte, betrank ich mich mit Kollegen, um zu vergessen. In der Firma gab es immer irgendwas zu feiern: Einstände, Ausstände, Geburtstage, gemeinsame Partys. Kurze Beziehungen wechselten sich mit Phasen unglücklicher Verliebtheit ab. Da gab es immer einen guten Grund zu trinken.

Ich trank schnell. Aber alle anderen um mich herum taten das auch. Wie die meisten Alkoholiker umgab ich mich (unbewusst) mit Leuten, die auch viel tranken, damit mein Trinkverhalten nicht auffiel. Dennoch fühlte ich mich absolut „normal“, denn ich trank auch nach wie vor nie allein, sondern immer nur mit anderen. Es gab also auch Tage, wo ich gar nichts trank – blieb ich allein zuhause, war ich nüchtern. Ich hatte nie Alkohol im Haus, es sei denn, ich bekam Besuch. Immer wieder schwor ich mir selbst leidenschaftlich, dass ich von nun an ganz gesund leben wollte – mehr Sport, mehr frische Luft, gutes Essen. Und einfach weniger Trinken.

Aber um ganz ehrlich zu sein: Die Abende zuhause wurden immer seltener. Und es passierte immer häufiger, dass ich mich nicht erinnerte, wie ich nachts nach Hause gekommen war. Immer öfter wachte ich in Wohnungen oder Situationen auf, an die ich mich nicht erinnern konnte. Interessanterweise war ich fast nie zu verkatert, um zur Arbeit zu gehen. Dazu war ich viel zu pflichtbewusst.

Doch auf einmal, mit Anfang dreißig, ging es richtig bergab und es war nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel, dass ich mich an Teile oder das Ende des Abends nicht mehr erinnern konnte. Dennoch war ich nach wie vor auf der Suche nach Gründen dafür, die so lauteten wie „Oh, Glühwein und Wodka Tonic ist offensichtlich keine gute Mischung – ich sollte den Glühwein wohl eher weglassen.“ Oder „Sekt ist einfach nicht mein Getränk.“ Den Alkohol selbst in Frage zu stellen, das kam mir überhaupt nicht in den Sinn.

Dann, am 18. Dezember 2003, gab es wieder mal einen Abschied einer Kollegin. Wir feierten zunächst im Büro, um dann als größere Runde weiter zu ziehen. Als ich am nächsten Morgen, es war ein Freitag, um 7 Uhr aufwachte und aufstand, war alles wie immer. Kurzer Check: Wie war ich nach Hause gekommen? Oh, keine Ahnung. Ich öffnete die Schlafzimmertür und stand in einem riesigen Partyschlachtfeld in meinem Wohnzimmer. Unzählige Flaschen und Gläser für bestimmt 20-30 Leute standen überall herum, Kippen in den Gläsern, dazwischen Essensreste – was zum Teufel war hier losgewesen? Und mir wurde schlecht, richtig schlecht. Denn ich hatte keine Ahnung, was hier losgewesen war. Wer hier gewesen war. Ich brach zusammen. Das war mein Moment der Wahrheit: So konnte es nicht weitergehen.

Ich musste mich an diesem Tag krankmelden. Ich schämte mich unendlich. Und mir wurde an diesem Morgen klar, dass ich ein Problem hatte. Dass das aufhören musste. Ich musste mit dem Trinken aufhören. JETZT. Am Montag darauf ging ich in mein erstes Meeting der Anonymen Alkoholiker. Ich hatte unendlich viel Angst vor einem Leben ohne Alkohol. Nachdem, was ich erlebt hatte, eigentlich verrückt, oder? Aber in diesem ersten Meeting wurde mir klar, dass ich angekommen war. Das hier war meine „Crowd“.

In dem DANACH wurden AA-Meetings nach der Arbeit meine tägliche Routine. Ich arbeitete mit einer Sponsorin im Zwölf-Schritte-Programm und Stück für Stück wurde es besser. Am Anfang fühlte es sich an, als sei alles um mich herum zu laut, zu nah. Vieles fühlte sich an, als würde ich es das erste Mal tun und ich fühlte mich schutzlos, verletzlich. Aber ich hatte nicht mehr das Bedürfnis zu trinken, denn ich war in meinem Kopf, in meinem Herzen absolut klar: Wenn ich das erste Glas Alkohol trinke, dann kann ich nicht mehr aufhören.

Phasenweise hatte ich damals das Gefühl, mein Leben sei gewissermaßen vorbei. Ich hatte nie einen Flirt, eine Beziehung begonnen ohne das Alkohol im Spiel gewesen war. Ausgehen? War nicht mehr drin. Es schien zunächst, als wenn ich mehr verlieren würde als gewinnen. Und gleichzeitig gewann ich schon auf den ersten Metern. Es waren ganz kleine Sachen, die sich wie ein Wunder in meinem Leben anfühlten.

Ich erinnere mich an die ersten Vogelstimmen, an einen Frühling, der so zart und gleichzeitig so mächtig war. Ich erinnere mich an den Geruch von Blüten in der Luft, an einen langen Sommer mit neuen Freunden. Ich erinnere mich, wie intensiv sich das neue Leben anfühlte, während das alte immer mehr verschwand. Ich erinnere mich an intensive Glücksmomente, so anders und frei. Und ich erinnere mich, dass ich keine Angst mehr hatte.

Ich lernte, mit mir selbst im Reinen zu sein. Mich so zu akzeptieren, wie ich bin, mit allen guten und schlechten Seiten. Ich lernte mir selbst gegenüber ehrlich zu sein. Manchmal tat dieses Leben DANACH weh, etwa als ich feststellte, dass alte Vorstellungen von Leistungsfähigkeit und Erfolg nicht mehr zu diesem neuen Selbst passten. Aber immer war dieses DANACH von Leben und Erleben geprägt und von einer Sicherheit, die ich nie zuvor gekannt hatte.

Ein Jahr später lernte ich meinen Mann kennen. Wir haben heute zwei wunderbare Kinder. Keiner von ihnen hat mich je betrunken erlebt. Und dafür bin ich jeden Tag, nur für heute, dankbar.

In den letzten Wochen dieser pandemie-geplagten Zeit begegnen mir immer wieder kleine Nachrichtenfetzen. Es ist 2021, Februar, und es ist die Zeit, als der Lockdown wirklich viel Zeit zu Hause und noch mehr Nerven von uns forderte als im Frühjahr zuvor. In diesen Nachrichtenfetzen geht es um Alkohol – virtuelle Weinproben und Whiskey Tastings, Mütter (und Väter), Frauen, Männer, die zur Entlastung zum Glas greifen – denn irgendwie muss man ja mal runterkommen?!, die Zunahme des Trinkens zuhause – und besonders in der Pandemie – und die Gefahren des Alkoholismus.

Mich berühren diese Geschichten sehr. Wenn diese Artikel sich um die „sunny Side“ drehen, – um das gesellschaftlich akzeptierte Trinken – dann merke ich, wie ich mir manchmal wünschte, ich könnte wieder auf Knopfdruck entspannen, ohne dafür auf die Yoga Matte zu müssen (übrigens eine tolle Alternative, versteht mich nicht falsch!). Ich wünschte, ich könnte mal wieder der Mittelpunkt der Party sein – ach, entschuldigt, das war vor Corona. Und es war DAVOR.

Denn in meinem Leben gibt es ein DAVOR und DANACH.

DAVOR war lange Zeit großartig, denn lange Zeit in meinem Leben hielt der Alkohol, was er in der Werbung versprach: Entspanntes Lachen, Miteinander, Flirten, zusammen sein, Gemeinsamkeit, Leben im Moment, den Alltag hinter mir lassen mit dem Job, dem Ärger – und MIR, wie ich war. Das war toll.

Leider wurde es für mich im Laufe meines Lebens immer schwieriger, die Balance auszutarieren zwischen ausgelassen, mutig und lustig – und angeschickert, angetrunken, betrunken, sturzbetrunken. Lange Zeit dachte ich, diese Verläufe hätten etwas mit der Mischung von Getränken an dem Abend zu tun. Oder mit einer Virusinfektion. Oder mit einer stressigen Situation, die ich erlebt hatte. Oder mit einem Freund und dann Ex-Freund, den ich zuerst hatte und dann gehabt hatte. Oder mit der Wohnung, die ich nicht bekommen hatte. Oder mit meinem Job, mit dem mich eine innige Hassliebe verband. Ihr seht, meine Gründe waren vielfältig. Es gab immer einen guten Grund, mit Freunden bei einem Glas Wein oder einem Bier über eine Situation zu reden. Und dann diese Situation zu vergessen und den Abend zu genießen. Hey, wer kennt das nicht?

Und dann diese Partys. Hinzugehen und sich komisch zu fühlen in dieser Menge an Menschen. Und dann – gegen dieses komische Gefühl – schnell mal ein Bier und schon das erste Gespräch zu starten über den Flaschenöffner, oder was auch immer. Alkohol war immer mein soziales „Schmiermittel“. Alkohol erlaubte mir die Frau zu sein, die ich gern sein wollte.

Wenn es dieses DAVOR gibt, dann gibt es natürlich auch ein DANACH. Doch die meisten Menschen, mit denen ich darüber spreche, wollen erstmal mehr über das DAVOR DAVOR wissen, so als wenn sich schon durch das Aufwachsen abzeichnet: „Du wirst auf jeden Fall Alkoholikerin!“

Sorry, so einfach ist das leider nicht: Mein Leben davor war ein ganz normales. Aufgewachsen in einer Mittelschichtfamilie auf dem Land mit allen Vorzügen (eigenes Pony), aber auch allen Nachteilen (Fahrschülerin!), Eltern selbständig und verheiratet, zwei Geschwister. Nach dem Abitur mit meinen besten Freundinnen nach Hamburg gezogen und in einer WG gewohnt, Ausbildung gemacht, gearbeitet, studiert, tolle Reisen, super Job in der Strategie Abteilung einer super Firma mit netten Kollegen. Mein Leben von außen betrachtet ein Traum: 3 Zimmer Altbau Wohnung in der Hamburger Schanze, Single mit einem Einkommen, dass dem meiner Eltern ebenbürtig war. Aber warum denn dann? Was ist da schiefgelaufen, fragst du dich jetzt vielleicht.

Aber solange ich zurückdenken kann, hat immer irgendwie etwas nicht gestimmt. Ich hatte stets das Gefühl, dass mir etwas fehlt, das ich anders wäre. Ich war nie im Einklang mit dem Rest der Welt und ich fühlte mich nie „normal“. Es schien mir, dass die anderen eine Gebrauchsanweisung für diese Welt bekommen hatten, aber ich muss bei der Verteilung irgendwie einen Moment unaufmerksam gewesen sein – und bumms, da war ich ohne unterwegs. Ich war eine Träumerin und wenn ich nicht in meinen Büchern unterwegs war, dann machte ich mir irgendwie ständig Sorgen.

Ich werde oft gefragt, ob mir etwas passiert sei, ob es „einen Auslöser“ gab – nein, den gab es nicht. Ich habe einmal gelesen „Alkoholikerin auf Abruf“, ich glaube das trifft es ganz gut. Als Teenager trank ich zum ersten Mal Alkohol und ich verliebte mich sofort in das Gefühl, das mir der Alkohol gab. Mit ihm hatte ich das Gefühl, die Lösung gefunden zu haben für dieses nagende Unbehagen. Ich war Teil der Welt geworden: Locker, schlagfertig, selbstbewusst. Auf einmal fühlte ich mich so, wie ich dachte, dass alle anderen sich ständig fühlten. Endlich verstehe ich die Welt, das ist das Stück was mir fehlt.

Obwohl es einige Jahre dauerte, bis ich körperlich abhängig war, war ich emotional vom ersten Moment an dabei. Ich hatte keine Angst mehr.

Meine ganze Teenagerzeit trank ich, wann immer ich konnte. Das war nicht so oft, wie sich das jetzt vielleicht anhört. Aber ich trank, um mich besser zu fühlen, und manchmal trank ich auch, um vor mir zu fliehen – meinen Unzulänglichkeiten, meinen Sorgen, meinem Nicht-Genug-Sein. Ich dachte dabei, das täten alle.

Schon früh waren Abende dazwischen, wo ich mich nicht mehr ganz so gut benahm oder im schlimmsten Fall einen Filmriss hatte. Dann wachte ich auf und wäre am liebsten gestorben bei dem Gedanken, was ich in der Nacht davor gesagt oder getan hatte. Scham wurde zu einem wichtigen Begleiter.

Trotzdem machte ich mein Abitur, machte meine Ausbildung und einen sehr guten Abschluss. Eigentlich hätte ich stolz sein können auf mich, auf das Mädchen vom Land, dass es in Hamburg geschafft hatte. Aber das war ich nicht. Das Gefühl der Unzulänglichkeit war wie ein dunkler Schatten, der mir überallhin folgte und Alkohol schien die perfekte Lösung.

Nach dem Studium begann ich in einem großen Digitalkonzern, und ich war angekommen. Und gleichzeitig völlig verunsichert. Der Job war anspruchsvoll und ich machte Karriere. Und trank gleichzeitig immer mehr. Die Gründe waren jetzt der Welt um mich herum angepasst: Wenn ich erfolgreich eine Strategie präsentiert und verkauft hatte, feierte ich mit meinen Kollegen. Wenn ich ein Projekt vermasselt hatte, betrank ich mich mit Kollegen, um zu vergessen. In der Firma gab es immer irgendwas zu feiern: Einstände, Ausstände, Geburtstage, gemeinsame Partys. Kurze Beziehungen wechselten sich mit Phasen unglücklicher Verliebtheit ab. Da gab es immer einen guten Grund zu trinken.

Ich trank schnell. Aber alle anderen um mich herum taten das auch. Wie die meisten Alkoholiker umgab ich mich (unbewusst) mit Leuten, die auch viel tranken, damit mein Trinkverhalten nicht auffiel. Dennoch fühlte ich mich absolut „normal“, denn ich trank auch nach wie vor nie allein, sondern immer nur mit anderen. Es gab also auch Tage, wo ich gar nichts trank – blieb ich allein zuhause, war ich nüchtern. Ich hatte nie Alkohol im Haus, es sei denn, ich bekam Besuch. Immer wieder schwor ich mir selbst leidenschaftlich, dass ich von nun an ganz gesund leben wollte – mehr Sport, mehr frische Luft, gutes Essen. Und einfach weniger Trinken.

Aber um ganz ehrlich zu sein: Die Abende zuhause wurden immer seltener. Und es passierte immer häufiger, dass ich mich nicht erinnerte, wie ich nachts nach Hause gekommen war. Immer öfter wachte ich in Wohnungen oder Situationen auf, an die ich mich nicht erinnern konnte. Interessanterweise war ich fast nie zu verkatert, um zur Arbeit zu gehen. Dazu war ich viel zu pflichtbewusst.

Doch auf einmal, mit Anfang dreißig, ging es richtig bergab und es war nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel, dass ich mich an Teile oder das Ende des Abends nicht mehr erinnern konnte. Dennoch war ich nach wie vor auf der Suche nach Gründen dafür, die so lauteten wie „Oh, Glühwein und Wodka Tonic ist offensichtlich keine gute Mischung – ich sollte den Glühwein wohl eher weglassen.“ Oder „Sekt ist einfach nicht mein Getränk.“ Den Alkohol selbst in Frage zu stellen, das kam mir überhaupt nicht in den Sinn.

Dann, am 18. Dezember 2003, gab es wieder mal einen Abschied einer Kollegin. Wir feierten zunächst im Büro, um dann als größere Runde weiter zu ziehen. Als ich am nächsten Morgen, es war ein Freitag, um 7 Uhr aufwachte und aufstand, war alles wie immer. Kurzer Check: Wie war ich nach Hause gekommen? Oh, keine Ahnung. Ich öffnete die Schlafzimmertür und stand in einem riesigen Partyschlachtfeld in meinem Wohnzimmer. Unzählige Flaschen und Gläser für bestimmt 20-30 Leute standen überall herum, Kippen in den Gläsern, dazwischen Essensreste – was zum Teufel war hier losgewesen? Und mir wurde schlecht, richtig schlecht. Denn ich hatte keine Ahnung, was hier losgewesen war. Wer hier gewesen war. Ich brach zusammen. Das war mein Moment der Wahrheit: So konnte es nicht weitergehen.

Ich musste mich an diesem Tag krankmelden. Ich schämte mich unendlich. Und mir wurde an diesem Morgen klar, dass ich ein Problem hatte. Dass das aufhören musste. Ich musste mit dem Trinken aufhören. JETZT. Am Montag darauf ging ich in mein erstes Meeting der Anonymen Alkoholiker. Ich hatte unendlich viel Angst vor einem Leben ohne Alkohol. Nachdem, was ich erlebt hatte, eigentlich verrückt, oder? Aber in diesem ersten Meeting wurde mir klar, dass ich angekommen war. Das hier war meine „Crowd“.

In dem DANACH wurden AA-Meetings nach der Arbeit meine tägliche Routine. Ich arbeitete mit einer Sponsorin im Zwölf-Schritte-Programm und Stück für Stück wurde es besser. Am Anfang fühlte es sich an, als sei alles um mich herum zu laut, zu nah. Vieles fühlte sich an, als würde ich es das erste Mal tun und ich fühlte mich schutzlos, verletzlich. Aber ich hatte nicht mehr das Bedürfnis zu trinken, denn ich war in meinem Kopf, in meinem Herzen absolut klar: Wenn ich das erste Glas Alkohol trinke, dann kann ich nicht mehr aufhören.

Phasenweise hatte ich damals das Gefühl, mein Leben sei gewissermaßen vorbei. Ich hatte nie einen Flirt, eine Beziehung begonnen ohne das Alkohol im Spiel gewesen war. Ausgehen? War nicht mehr drin. Es schien zunächst, als wenn ich mehr verlieren würde als gewinnen. Und gleichzeitig gewann ich schon auf den ersten Metern. Es waren ganz kleine Sachen, die sich wie ein Wunder in meinem Leben anfühlten.

Ich erinnere mich an die ersten Vogelstimmen, an einen Frühling, der so zart und gleichzeitig so mächtig war. Ich erinnere mich an den Geruch von Blüten in der Luft, an einen langen Sommer mit neuen Freunden. Ich erinnere mich, wie intensiv sich das neue Leben anfühlte, während das alte immer mehr verschwand. Ich erinnere mich an intensive Glücksmomente, so anders und frei. Und ich erinnere mich, dass ich keine Angst mehr hatte.

Ich lernte, mit mir selbst im Reinen zu sein. Mich so zu akzeptieren, wie ich bin, mit allen guten und schlechten Seiten. Ich lernte mir selbst gegenüber ehrlich zu sein. Manchmal tat dieses Leben DANACH weh, etwa als ich feststellte, dass alte Vorstellungen von Leistungsfähigkeit und Erfolg nicht mehr zu diesem neuen Selbst passten. Aber immer war dieses DANACH von Leben und Erleben geprägt und von einer Sicherheit, die ich nie zuvor gekannt hatte.

Ein Jahr später lernte ich meinen Mann kennen. Wir haben heute zwei wunderbare Kinder. Keiner von ihnen hat mich je betrunken erlebt. Und dafür bin ich jeden Tag, nur für heute, dankbar.